13.09.2026
Der Stadtbezirk Trudering-Riem im Osten Münchens zählte laut Statistischem Amt der Landeshauptstadt München zum 31. Dezember 2024 zwischen 60.000 und 80.000 Einwohnerinnen und Einwohnern mit Hauptwohnsitz. Der Bezirk wächst seit Jahrzehnten durch Neubau, vor allem auf dem Gelände des 1992 geschlossenen Flughafens München-Riem. Zwei Entwicklungen bestimmen derzeit seine Zukunft: der fünfte Bauabschnitt der Messestadt Riem und die Neuausrichtung der Stadtentwicklung im angrenzenden Münchner Nordosten, die Oberbürgermeister Dieter Reiter am 20. Februar 2026 in der Rathaus Umschau angekündigt hat.
Trudering-Riem verdankt seine heutige Struktur der Verlegung des Flughafens im Jahr 1992. Auf dem freigewordenen Gelände entstanden die Messestadt Riem als Wohngebiet und die Neue Messe München, die 1998 eröffnete und seither das wirtschaftliche Zentrum des Bezirks bildet. Mit den Riem Arcaden, eröffnet am 10. März 2004, kam ein Einkaufszentrum mit rund 61.100 m² Verkaufsfläche und mehr als 140 Geschäften hinzu, direkt an der U-Bahn-Station Messestadt West der Linie U2. Die Messe zieht Aussteller, Kongresse und Übernachtungsgäste an, die Arcaden versorgen ein Einzugsgebiet, das über den Bezirk hinausreicht. Daneben besteht mit Alt-Trudering ein traditionell geprägter Ortsteil mit älterem Baubestand, der sich baulich deutlich von der Messestadt unterscheidet.
Mit dem fünften Bauabschnitt der Messestadt Riem geht die Entwicklung des ehemaligen Flughafengeländes in ihre letzte Phase. Auf rund 250.000 Quadratmetern zwischen Kirchtrudering, Messestadt Riem und dem Riemer Park sollen laut dem gemeinsamen Beteiligungsportal von Referat für Stadtplanung und Bauordnung und der Eigentümergemeinschaft BA5 bis zu 2.500 neue Wohnungen entstehen, dazu eine sechszügige Grundschule, Kindertagesstätten, ein Jugendzentrum, eine Pflegeeinrichtung und ein Flexiheim. Der städtebauliche Rahmenplan lag im Frühjahr 2024 öffentlich aus, seither arbeitet eine Gestaltungswerkstatt an den Detailregeln für das Quartier.
Am östlichen Rand des Bezirks verändert sich zugleich die Schieneninfrastruktur. Die Deutsche Bahn plant mit der Daglfinger und Truderinger Kurve zwei neue Verbindungsgleise, die den Güterverkehr von der bestehenden eingleisigen Strecke zwischen Trudering und Daglfing entlasten sollen. Nach Erkundungsbohrungen zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 sieht der Zeitplan von DB InfraGO die Bauausführung ab 2026 vor.
Größer ist die Kehrtwende in der Planung für den Münchner Nordosten, der unmittelbar an Trudering-Riem grenzt. Oberbürgermeister Dieter Reiter erklärte am 20. Februar 2026, die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme für den Nordosten nach 15 Jahren Voruntersuchung ohne ein einziges Baurecht und ohne eine gebaute Wohnung aufzugeben. An ihre Stelle soll eine gemeinsame Institution der Grundeigentümer treten, etwa eine Genossenschaft oder Gesellschaft, die Kosten und Lasten der Entwicklung auf Basis der bestehenden Rahmenplanung transparent verteilt. Verwaltung und Stadtrat sollen über die Aufhebung der Entwicklungsmaßnahme und das neue Modell gemeinsam entscheiden; das Thema wandert dafür direkt in das Referat des Oberbürgermeisters.
Für Bestandshalter in Trudering-Riem trifft ein wachsender Bezirk auf ein Umfeld, das sich von der Enteignungsdrohung zur Verhandlung verschiebt. Die 2.500 Wohnungen des fünften Bauabschnitts erweitern das Angebot in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bestand, sie bringen zugleich eine Grundschule, Kitas und eine Pflegeeinrichtung, die die Infrastruktur des gesamten Bezirks stärken. Das erhöht die Attraktivität bestehender Mehrfamilienhäuser in Kirchtrudering und der Messestadt.
An der Grenze zum Nordosten ändert sich die Ausgangslage für Grundeigentümer grundsätzlicher. Wo bislang eine Enteignung im Raum stand, verhandelt die Stadt künftig auf Basis einer transparenten Kosten- und Lastenverteilung. Wer dort Flächen oder Bestand hält, kann diese Entwicklung planbarer einordnen als unter dem bisherigen Verfahren. Wie die neue Institution der Grundeigentümer konkret aussieht und wann der Stadtrat entscheidet, war zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch offen.
Die geplante Truderinger Kurve betrifft in erster Linie den Bahnbetrieb, nicht den Wohnungsbestand. Für Eigentümer in der Nähe der Bahnstrecke zwischen Trudering und Daglfing bedeutet die Bauphase zeitweise Beeinträchtigungen, langfristig aber eine leistungsfähigere Schieneninfrastruktur im Bezirk.
Trudering-Riem bleibt damit ein Bezirk im Umbau, dessen Entwicklung seit Jahrzehnten von der Umwandlung eines Flughafens geordnet wird. Wie viel von seiner Nachbarschaft im Nordosten in ähnlicher Weise entsteht, hängt nun davon ab, ob sich Stadt und Grundeigentümer auf die angekündigte Zusammenarbeit einigen.